Wie das innere Kind uns Eltern helfen kann

In meinem letzten Beitrag habe ich Dir  vorgestellt, was es mit dem Modell des inneren Kindes auf sich hat. Das Modell besagt, dass wir alle einen Persönlichkeitsanteil eines verletzten inneren Kindes in uns tragen. Dieser Anteil tritt manchmal im Alltag auf die Bühne, und übernimmt dann die Kontrolle über uns: wir reagieren dann oft emotional, aber eben nicht konstruktiv. Und in der Regel tut uns das weder uns selbst noch unserer Umwelt gut. Das Modell des inneren Kindes kann uns dabei helfen, den verletzen inneren Anteil in uns zu erkennen. Und ihn dann zu heilen (ein Stück weit zumindest), damit wir uns dann besser selbst behandeln können, aber auch den Umgang und die Kommunikation mit anderen verbessern.

Wenn Du das noch einmal für Dich besser verstehen möchstest, was mit diesem
Modell des inneren Kindes gemeint ist, empfehle ich Dir den Beitrag zunächst einmal zu lesen.

Ansonsten geht es jetzt in diesem Beitrag darum besser zu verstehen, wie überhaupt das verletzte innere Kind entsteht und warum ich glaube, dass die Arbeit mit dem inneren Kind so wertvoll gerade für uns  Eltern ist.

Und zum Abschluss gebe ich Dir  eine Idee mit, was wir  im ersten Schritt-also als eine Art Selbsthilfeübung- tun können, um unserem inneren Kind zu begegnen. Und vielleicht schon eine erste heilsame Erfahrung zu machen.

Wie entsteht das verletzte innere Kind?

Wie kommt es eigentlich, dass wir alle verletzte Kinder in uns tragen?

Ich persönlich bin davon überzeugt, dass wir alle als Kinder emotionale Wunden erfahren- zumeist von unseren Eltern, aber vielleicht auch von anderen Personen wie Lehrern oder anderen Familienmitgliedern, zu denen wir einen starken Bezug haben. In diesem Kontext verstehe ich im Kern die emotionale Wunde als Gefühl „nicht gut genug zu sein“. In dem Sinne, dass wir als Kind den Glauben entwickeln: Wenn wir nicht fleißig, brav, klug oder was auch immer sind, dann gefallen wir unseren Eltern nicht, ja dann lieben sie uns wohlmöglich gar nicht. Das heißt wir entwickeln als Kind den Glauben: ich werde nur geliebt, wenn….

Und um dieses „wenn“ geht es. Denn übersetzt heißt das: ich kann nicht mehr daran glauben, dass ich bedingungslos geliebt werde. Ich glaube nicht, dass ich liebenswert bin, wenn ich  einfach so bin wie ich nun mal bin! Es verfestigt sich der Glaube: „ich muss anders sein, besser, schöner, intelligenter, ….. sein, um geliebt zu werden.“

Diesen Glauben behalten wir tief in uns. Es ist ein Glaube, der in unserem Unterbewusstsein mit uns schwingt, und uns in unserem Leben weiter begleitet- auch als Erwachsener. Und so steuert dieser Glaube des Nicht-genug-seins (unbewusst) unser Leben. Denn wenn dieser Glaube da ist, beeinflusst er auch die  Entscheidungen, die wir in unserem Leben treffen.

Vielleicht fällt es Dir im Moment schwer diesen Worten  zu glauben, vor allem wenn Du Dich mit dem Thema bisher noch nicht auseinander gesetzt hast. Deswegen möchte ich Dir gerne ein Beispiel geben, um das Ganze mehr zu verdeutlichen:

Nehmen wir an ein kleiner Junge hat in der Kindheit öfter gehört:„Du bist eh nicht so schlau wie Dein Bruder.“ Vielleicht haben die Eltern auch gar nicht den Satz direkt ausgeprochen, sondern der Junge hat anhand von Reaktionen, Mimik und Gestik der Eltern, wenn die Zeugnisse präsentiert wurden, diesen Gedanken für sich wahr genommen. Der Junge hat dann für sich geschlussfolgert, und entschieden: „ich bin zu dumm.“ Dieser Glaube über sich selbst, hat eine emotionale Wunde bei ihm hinterlassen. Und deshalb begleitet ihn dieser Satz auch weiterhin durch sein Leben. Als Erwachsener könnte sich das so auswirken, dass er sich immer selbst begrenzt, da er fest glaubt, dass gewisse Dinge einfach für ihn nicht erreichbar seien. Zum Beispiel bei seiner Berufswahl: Vielleicht war sein Traum immer Arzt zu werden. Der Glaube „ich bin zu dumm“, hat ihn die Entscheidung treffen lassen, kein Studium zu beginnen. Er hat dafür eine Ausbildung als Pfleger gestartet.  Bitte seht hier keine Wertung zwischen  Pfleger und Arzt! Mir geht es in diesem Beispiel ausschliesslich um die persönliche Begrenzung in seinem Kopf, welche dazu führt, dass er nicht seinem eigentlichen Wunsch nach geht.

Diese Glaubenssätze über uns selbst treten in vielfältigster Form auf, und entstehen vor allem dann, wenn wir als Kinder wiederholt das Gefühl von Scham oder auch von Schuld spüren.

So wie wir es erfahren haben, geben wir es unbewusst weiter

Was mir an dieser Stelle wichtig ist zu betonen: ich halte es überhaupt nicht für förderlich, dass wir nun alle zu unseren Eltern laufen, und ihnen den Vorwurf für das Entstehen unserer Glaubenssätze machen! Vielmehr sollten wir uns bewusst machen, dass sie selbst Verletzungen erfahren haben, und somit auch aus ihren inneren Kindern heraus handelten, und wahrscheinlich bis heute noch tun. Sie haben daher ihr eigenes Päckchen unreflektiert an uns weitergegeben.

Es ist etwas, was von Generation zu Generation übertragen wird. In einer Art und Weise wie es individuell und je nach Familiensystem unterschiedlich gelebt wird. Wie eine Art Familiensprache, ein Muster, das weitergegeben wird.

Die alten emotionalen Verletzungen, die Du in der Vergangenheit erfahren hast, werden wieder aktiv durch irgendeinen Trigger, den Du im Jetzt erlebst. Wenn diese alte Wunde wieder sticht, wollen wir uns schützen. Aber die Strategien, die wir dann meistens wählen (Angriff, Flucht oder Nichtstun) sind meist nicht hilfreich, weil sie das für uns wirkliche Bedürfnis nicht treffen. Wir helfen uns nicht, wir versuchen dem Schmerz auszuweichen.

Wie könnte das in dem Beispiel mit unserem Jungen und seinem Glauben „ich bin zu dumm“ aussehen?

Unser Junge ist mittlerweile erwachsen und verheiratet.In einer Alltagssituation sagt seine Ehefrau zu ihm: „Hast Du etwa schon wieder das Essen anbrennen lassen.“

Was könnte nun sich im Innern des Mannes abspielen? Vielleicht schnellt der Gedanke vorbei:“Jetzt hält sie mich für zu dumm um das Essen zu kochen“. Dieser Gedanke sticht in die alte Wunde der Vergangenheit und lässt den Mann in die innere-Kind-Rolle verfallen. Er will sich vor diesem Schmerz, der in ihm (unbewusst) aufsteigt, schützen, und geht in den Angriffsmodus: „Du weißt ja immer alles besser als ich, dann mach das Essen doch alleine.“ Er hätte auch die Strategie der Flucht wählen können; dann wäre er vielleicht einfach wutschnaubend aus dem Zimmer gestürmt. Diese Art von Strategien hast Du bestimmt schon selbst erlebt, oder beobachten können in Deinem Alltag. Und dann weißt Du auch, dass diese Reaktionen nicht zu einer Lösung verhelfen. Denn diese Reaktionen heilen das Bedürfnis des verletzten inneren Kindes nicht!

Warum ist die Beschäftigung mit dem inneren Kind für Eltern wertvoll?

Warum finde ich, dass Eltern  sich mit ihrem inneren Kind  beschäftigen sollten?

Ich schrieb es bereits: diese Muster des verletzten Kindes werden von Generation zu Generation weiter gegeben. Und nicht mit böser Absicht, sondern zumeist unbewusst!

Die Art und Weise und die prägenden Sätze, die Deine Eltern mit Dir gesprochen haben, die hast Du verinnerlicht. Sie werden  zu Deiner inneren Stimme, die Dich Dein Leben lang begleitet. Diese einmalige Familiensprache gibst Du dann weiter an Deine Kinder. Und so setzt sich die Kette fort. Und das zum allergrößten Teil unbewusst. Und so trägst Du auch dazu bei, dass Du bei Deinen Kindern Schuld- und Schamgefühle auslöst, die emotionale Wunden schaffen werden. Es passiert uns allen, auch wenn Du sehr reflektiert bist, und Dich mit diesen Themen beschäftigst. Denn perfekte Eltern gibt es nicht, und muss es auch nicht geben!

So, wenn wir das jetzt wissen: Was ist dann die Entscheidung? Vielleicht: „Hey, da kann ich ja dann eh nix ändern…..“

Dazu sage ich: Nein!  Ich finde, es ist unsere Verantwortung (für uns selbst und unsere Kinder) bewusst damit umzugehen. Es ist unsere Verantwortung die Möglichkeit zu nutzen uns mehr Bewusstsein zu schaffen, und wenn möglich Verletzungen bei uns zu heilen. Denn dann reichen wir diesen Teil unseres eigenen Päckens eben nicht mehr unbewusst an unsere Kinder weiter.

Mein persönliches Ziel ist definitv: Ich will nicht mein großes Paket an emotionalen Wunden an meine Kinder weiterreichen, sondern ein kleineres Päckchen, das sich schon viel leichter tragen lässt.

Was haben konkret unsere Kinder daran gewonnen?

  • Sie gewinnen an Selbstwert. Wenn wir es schaffen, ihnen zu vermitteln, dass Liebe kein Wenn…Dann -Geschäft ist, sondern, dass wir sie bedingungslos lieben, werden sie gestärkt in die Welt ziehen.
  • Indem Du Dich um Dein eigenes inneres Kind kümmerst, es wahrnimmst, es tröstest und Deine Bedürfnisse heilst, lebst Du Deinem Kind einen besseren Umgang mit Stressmomenten  vor. Sie lernen anhand Deines Beipiels hilfreiche Strategien im Umgang mit Stress , den sie defintiv später auch in ihrem Leben erfahren werden. (Es geht ja gar nicht anders…!)  Und dabei kann die Arbeit mit dem inneren Kind gut helfen.

Wie komme ich in Kontakt zu meinem inneren Kind?

Die Arbeit mit dem inneren Kind ist sehr komplex, und übersteigt den Rahmen dieses Blogbeitrages. Ich möchte Dir aber ein paar Impulse mit auf den Weg geben:

  • Wie trete ich in Kontakt mit meinem inneren Kind?

Um Zugang zu Deinem inneren Kind zu finden eignen sich Meditationen sehr gut. Es gibt viele gute und kostenfreie Angebote hierzu im Netz. Schau zum Beispiel bei youtube mit dem Schlagwort inneres Kind. Ich empfehle Dir hier die Angebote von Robert Betz oder Veit Lindau.

Aber auch andere Zugangswege sind natürlich möglich. Zum Beispiel in dem Du Dich hinsetzt, Dir Ruhe und Stille gönnst, und beginnst Dir selbst Fragen zu stellen. (Am besten  nachdem es zu einer Situation mit dem inneren Kind in Deinem Alltag gekommen ist;  zum Beispiel nach einem Konflikt mit Deinem Partner) Hilfreiche  Fragen könnten sein:

Welches Gefühl hatte ich, als es zu dem Konflikt gekommen ist? Beispiel Wut: Was hat mich in der Situation wütend gemacht?

Was hat das mit meinem Partner zu tun?

Was hätte ich mir von meinem Partner gewünscht, damit es nicht zu diesem Streit gekommen wäre?

Was ist also mein Bedürfnis, was hat mir in diesem Moment gefehlt?

Wann gibt es Situationen, wo ich ebenfalls dieses Bedürfnis habe, und es mir nicht erfüllt wird bzw. ich es mir nicht selbst erfülle?

Welche Situationen von früher kenne ich, wo ich dieses Bedürfnis auch hatte?

Welche Menschen kenne ich, die dieses Bedürfnis sich auch nicht erfüllen konnten?

Wie kann ich mir das Bedürfnis selbst erfüllen? Was kann ich dafür tun?

 

  • Wie kann ich die Bedürfnisse meines inneren Kindes anfangen zu heilen?

Mach Dir bewusst, dass Du heute erwachsen bist. Du bist nicht mehr klein und von anderen Erwachsenen abhängig. Übernehme aus der Rolle des Erwachsenen die Verantwortung für die Situationen, die dich bisher immer aus der Balance brachten, und übernimm das Steuer. Als Erwachsener hast Du die Möglichkeit Deinem inneren verletzten Kind das zu geben, was es in dem Moment braucht, sprich das, was es früher so schmerzlich vermisst hat.

In unserem Beispiel mit dem Ehemann und seinem Glaubenssatz „ich bin zu dumm“, könnte das so aussehen:

Nachdem der Mann  erkannt hat, dass sein verletztes inneres Kind auf den Kommentar seiner Frau mit dem verbrannten Essen reagiert hat, hat er die Chance sich im Nachhin-wenn die Gemüter sich beruhigt haben-  hinzusetzen, die Situation durchzugehen und als Erwachsener zu seinem inneren Kind zu sagen: „Ich liebe dich so wie du bist. Egal was du tust, egal was du denkst, ich liebe dich bedingungslos….Liebe ist nicht abhängig von irgendeiner Leistung, die du erbringst.“

Alleine das Schenken von Aufmerksamkeit und Verständnis gegenüber den verletzten Bedürfnissen wird eine Veränderung bewirken, vor allem wenn es regelmäßig erfolgt.

Der Mann kann dieses Fühlen und Reflektieren seiner Bedürfnisse alleine für sich tun. Vielleicht kann er auch mit seiner Frau über sein verletztes inneres Kind sprechen, und so eine ganz andere Qualität von Kommunikation im Ehealltag anstoßen.

Vielleicht fällt es Dir leichter Deinem inneren Kind einen Brief zu schreiben. Schreiben ist auch deshalb besonders wirkungsvoll, weil Du dann die Gedanken einmal zu Ende bringst und ausformulierst, was sonst oft in unserem Kopf wirr hängen bleibt. Schreibe aus Deiner verständnisvollen, rationalen Erwachsenensicht; vielleicht schreibst Du auch, dass es damals zu diesem Mißverständnis in der Kommunikation zwischen Dir als Kind und Deinen Eltern kam. Und dass Deine Eltern das Kind  trotzdem geliebt haben, es aber vielleicht nicht immer gut ausdrücken konnten.

Wenn Du Dir Hilfestellung wünschst, um diese Themen näher für Deine individuelle Situation zu beleuchten, melde Dich gerne bei mir. Ein Coaching  ist online, d.h.bequem für Dich von zu Hause aus möglich. Vorab führen wir ein unverbindliches Kennenlerngespräch, wo Du dann entscheiden kannst, ob und zu welchen Konditionen Du mit mir zusammenarbeiten möchtest.  Auch bei allgemeinen Fragen kannst Du gerne mit mir in den Austausch kommen.

Wenn Du diesen Beitrag in Audio-Form hören möchtest, besuche meine Podcast-Seite.

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Finde den Weg zu Dir und Deinem eigenen Wohlbefinden (zurück). So trägst Du zum Familienfrieden bei.

Ich wünsche Dir eine bewusste Zeit mit Dir selbst und Deiner Familie.

Alles Liebe,

Deine Melanie

Wie das innere Kind uns Eltern helfen kann

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